Die letzte Meile

Die „letzte Meile“ – quer durch Herrenberg

Neulich im Feierabendverkehr auf der Seeländer Straße. Dicht an dicht stehen die Autos, die Ampel ist rot, wie schon die letzte und die davor. Dann wird es grün – und trotzdem geht es erst einmal nichts. Ein Auto steht noch mitten in der Kreuzung, weil es bei Dunkelgelb hineingefahren ist – Abbieger aus Querstraßen sind nun blockiert. Alltag in Herrenberg. Die Einsicht fällt schwer, aber ich bin Teil des Problems.

Vor einiger Zeit bin ich aus einem Teilort in die Kernstadt gezogen. Ein Grund dafür war, im Alltag weniger auf das Auto angewiesen zu sein. Und tatsächlich hat sich einiges verändert. Viele Wege lassen sich inzwischen zu Fuß erledigen. Zum Bäcker, in die Innenstadt oder zu kleineren Besorgungen kann ich einfach loslaufen. Das ist sehr angenehm und spart nicht nur eine Autofahrt, sondern oft auch Zeit.

Dann kommt der nächste Einkauf. Zwei Getränkekisten, einige gekühlte Lebensmittel, Toilettenpapier und vielleicht noch etwas aus dem Baumarkt – schon wird es schwierig. Zu Fuß ist das kaum praktikabel, mit dem normalen Fahrrad auch nicht. Mit all den Sachen in den Bus? Auch keine passende Lösung.

Die Verkehrssituation in Herrenberg hat natürlich größere Zusammenhänge als meinen persönlichen Einkauf. Rund 6.800 Menschen pendeln nach Herrenberg ein, mehr als 11.000 pendeln aus der Stadt heraus. Im Verhältnis zu den insgesamt 34.000 Einwohnern sind das sehr viele tägliche Wege.

Die Zahlen zeigen, wie stark Herrenberg mit seinem Umland und den umliegenden Arbeitsplätzen verbunden ist. Ein großer Teil des täglichen Verkehrs entsteht zwar durch Berufsverkehr (die Attraktivität der S-Bahn ist dabei natürlich auch ein Thema). Gleichzeitig gibt es innerhalb Herrenbergs viele kurze Wege, für die das Auto nicht unbedingt notwendig wäre. Das Problem ist oft nicht der Weg selbst, sondern die Frage, wie man bestimmte Dinge transportiert.
Das wird gerne als „letzte Meile“ bezeichnet. Gemeint ist damit der letzte Abschnitt zwischen einem Geschäft und dem eigenen Zuhause. Genau dieser Abschnitt entscheidet häufig darüber, ob man das Auto nimmt oder nicht.

Die Bedingungen für Fußgänger spielen dabei eine Rolle. Der Reinhold-Schick-Platz ist ein gutes Beispiel. Wer mit einem Kinderwagen, Trolley, Rollator oder Rollstuhl unterwegs ist, hat dort andere Anforderungen als jemand, der einfach schnell über die Straße gehen kann. Die Zinser-Unterführung hilft dann nur selten. Kurze Grünphasen an den Fußgängerampeln machen es zusätzlich schwer.
Wenn mehr Menschen kurze Wege zu Fuß zurücklegen sollen, müssen diese Wege sicher und komfortabel sein. Das gilt nicht nur für ältere Menschen oder Menschen mit Einschränkungen. Gute Fußwege machen eine Stadt für alle angenehmer.

Ähnlich sieht es beim Fahrrad aus. Die Stadt Herrenberg möchte den Anteil des Radverkehrs von 11 auf 15 Prozent erhöhen. Nach Angaben der Stadtverwaltung könnten damit rund 5.000 zusätzliche Fahrradfahrten erreicht werden.
Der Wille ist also vorhanden. Die Bedingungen sind aber nicht überall einfach. Herrenberg und die Teilorte haben etliche Steigungen, teilweise schmale Straßen und gleichzeitig viel motorisierten Verkehr. Auf der Horber Straße beispielsweise wird sehr deutlich, wie begrenzt der Platz ist.
Rote Markierungen kann die Aufmerksamkeit von PKW-Fahrern für Radfahrer erhöhen, sie verhindern aber keine engen Überholmanöver. Für ein normales Fahrrad ist wenig Abstand schon riskant, bei einem breiten Lastenrad wird die Situation noch schwieriger. Wer möchte, dass mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind, muss Platz für diese Fahrräder schaffen. Das ist nicht einfach.

Es wird deutlich: Weniger Autoverkehr entsteht nicht allein dadurch, dass man andere Verkehrsmittel anbietet. Die Alternativen müssen im Alltag tatsächlich funktionieren.

Was könnte helfen?

Eine Möglichkeit ist ein besser nutzbarer öffentlicher Nahverkehr. Dazu gehört nicht nur ein gutes Liniennetz, sondern auch ein möglichst einfacher Zugang. Rampen und Einstiegshilfen sind für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wichtig und machen Busse insgesamt besser nutzbar.

Lieferdienste können ebenfalls Autofahrten ersetzen. Sie haben jedoch ihre eigenen Herausforderungen: Jemand muss zu Hause sein, wenn die Lieferung kommt. Beim Onlinehandel kommen zusätzlicher Lieferverkehr und Verpackungsmüll hinzu.

Interessanter erscheint mir deshalb die Idee dezentraler Abholstationen, sogenannter Hubs.
Das Prinzip ist einfach: Einkäufe und andere Waren werden nicht einzeln bis vor die Haustür geliefert, sondern an einer Station im Wohngebiet gesammelt. Dort können sie abgeholt werden, wenn es zeitlich passt. Für den kurzen Weg nach Hause reicht dann vielleicht ein Trolley, ein Fahrrad oder ein Lastenrad.
Der Vorteil liegt in der Bündelung. Statt viele einzelne Haushalte anzufahren, können mehrere Bestellungen gemeinsam an einen Standort geliefert werden. Gleichzeitig wird die letzte Strecke für den Kunden kürzer.

Ansätze für eine flexible Warenabholung gibt es bereits. Die Metzgereien Gräther in Haslach und Bosch an der Horber Straße bieten Selbstbedienungsmöglichkeiten außerhalb der üblichen Öffnungszeiten. Das Prinzip ließe sich auf weitere Bereiche übertragen.

Natürlich brauchen solche Hubs Platz. Entscheidend ist auch der Standort: Eine Abholstation muss direkt im Wohngebiet liegen, so dass die Abholung zu Fuß oder mit dem Fahrrad tatsächlich attraktiv ist.

Und natürlich bleibt der öffentliche Nahverkehr ein wichtiger Bestandteil. Ebenso wie gute Fußwege und sichere Radverbindungen. Keine dieser Maßnahmen wird das Verkehrsproblem allein lösen. Zusammengenommen können sie aber dazu beitragen, dass das Auto für bestimmte Wege nicht mehr die naheliegendste Lösung ist.

Für mich hat sich durch den Umzug in die Kernstadt gezeigt, dass sich Mobilität durchaus verändern lässt. Viele Wege brauche ich tatsächlich nicht mehr mit dem Auto zu fahren. Bei bestimmten Einkäufen stoße ich aber noch an Grenzen.

 

Fazit

Es geht nicht darum, das Auto pauschal aus dem Alltag zu verbannen. Es geht darum, die Abhängigkeit vom Auto zu verringern. Dafür müssen die Alternativen so gut funktionieren, dass man sie im Alltag gerne nutzt.

Das beginnt bei sicheren Fußwegen, geht über attraktive Radverbindungen und einen gut zugänglichen öffentlichen Nahverkehr bis hin zu neuen Konzepten für die Warenversorgung.

Vielleicht sollten wir deshalb beim Thema Verkehr nicht nur fragen, wie wir mehr Autos durch Herrenberg bekommen. Sondern auch, wie wir es schaffen, dass für bestimmte Wege gar kein Auto mehr nötig ist.

Und vielleicht beginnt diese Veränderung tatsächlich bei einer ganz einfachen Frage, die jeder für sich beantworten kann: Für welchen meiner Wege brauche ich das Auto wirklich?

 

Quellen:

 

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